Wenn Geschichte zur Waffe wird – OHTE-Tagung in Straßburg

Bericht über den Besuch der 6. Jahrestagung des OHTE

VGD vertreten bei der 6. Jahreskonferenz des Observatory on History Teaching in Europe (OHTE) im Europarat

Vom 8. bis 9. Oktober 2026 trafen sich im Palais de l’Europe in Straßburg rund 650 Fachleute (in Präsenz und online) aus Bildung, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft – und der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands war zum ersten Mal persönlich dabei. Als gewählte Vertreterin unseres Verbandes durfte ich an der 6. Jahreskonferenz des Observatory on History Teaching in Europe (OHTE) teilnehmen und die Perspektive der deutschen Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer in die Debatten des Europarats einbringen.

„Manipulating History, Undermining Democracy“

Unter diesem Titel stand die Tagung – ein Thema, das aufgerüttelt hat.

Wo Geschichte gezielt verbogen wird, um Gesellschaften zu spalten und Demokratien auszuhöhlen, wird Geschichtsunterricht zur vordersten Verteidigungslinie. Die Konferenz zeigte mit OHTE-Talks, Podiumsdebatten und innovativen Workshops, wie vielfältig Europas Antworten ausfallen: multiperspektivischer Unterricht, digitales historisches Lernen und kritisches Denken als Grundausstattung junger Menschen in einer Welt voller Desinformation.

Learners first!

Drei Kernbotschaften lassen sich für Schülerinnen, Schüler und ihre Lehrerinnen und Lehrer ableiten:

  1. Ihr seid Subjekte und Akteure der Geschichte und könnt sie beeinflussen. Lasst euch nie einreden, dass ihr passive Zuschauer und Faktenlerner sein müsstet. Die Zukunft der Demokratie sitzt heute in den Klassenzimmern und die Zukunft der Demokratie wird vermutlich auch im Digitalen entschieden. Mischt euch ein und verteidigt die freiheitliche Demokratie im Sinne des Referenzrahmens des Europarats für Kompetenzen demokratischer Kultur (Wissen/kritisches Verstehen, Fähigkeiten/Fertigkeiten, Haltungen und Werte) https://www.coe.int/en/web/education/-/referenzrahmen-kompetenzen-f%C3%BCr-einedemokratische-kultur-1 , https://www.politik-lernen.at/dl/kstKJMJKomMllJqx4mJK/Poster_Competences_of_Democratic_Culture_Garden_1_DE_Web_pdf
  2. Nur wer sich dem Dialog der nationalen bzw. parteiischen Narrative stellt, kann Resilienz gegenüber fake news und jeder Form von Desinformation entwickeln.
  3. Im solidarischen Dialog aller Generationen (z. B. mit der historisch-politischen Erfahrung der Baby-Boomer und technisch-digitalem Know-How und Ideenreichtum der Gen Z) können wir demokratiefeindlichen Manipulationen durch KI begegnen.

Lobbyarbeit für Deutschland und die europäische Zusammenarbeit: cocreation counts

Der Wind, der durch die Flure des Europarats wehte, war spürbar: History matters. Gerade deshalb habe ich in verschiedenen Kreisen für die Inhalte der Tagung geworben – und deutlich gemacht, dass Deutschland in diesem Gremium noch fehlt. Von derzeit 19 Mitgliedstaaten ist die Bundesrepublik nicht darunter. Ich habe in vielen Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Bildung und Wissenschaft dafür geworben, diese Lücke zu schließen: Ein Land, dessen Geschichtskultur so eng mit Europas demokratischer Selbstverständigung verwoben ist, gehört an den Tisch dieses Observatoriums.

Ein Manifest des VGD/VHD machte die Runde

Gleichzeitig durfte ich die anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsendes 2025 verfasste gemeinsame Stellungnahme von VGD und VHD „8. Mai 1945 – 80 Jahre danach“ in viele Hände geben – und in viele Köpfe. Das Manifest erntete lebhaftes Interesse: Sein Kern, dass Relativierung, Verharmlosung und Leugnung von NS-Verbrechen zunehmend Einzug in deutsche Klassenzimmer halten und dass Demokratiebildung ohne Kenntnis der NS-Zeit, des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen nicht auskommt, fand unter den internationalen Teilnehmenden tiefes Echo. Besonders nachdenklich stimmte viele die Sorge, die mir in den Gesprächen immer wieder begegnete: In manchen Bundesländern könnten extremistische Kräfte wie in der AfD Eingriffe in die Curricula vornehmen. Diese Gefahr ist keine theoretische – ihr gilt es vorzubeugen, bevor es zu spät ist. Das Manifest mit seinen Forderungen – fachgebundener, zeitlich ausreichender Geschichtsunterricht, innovative Wege der Erinnerungskultur, aufgewertete Gedenkstättenbesuche und Handlungssicherheit für Lehrkräfte im Konfliktfall – zeigt, dass die deutschen Fachverbände die Zeichen der Zeit erkannt haben und handeln.

Die Stellungnahme ist auf der VGD-Website abrufbar: „8. Mai 1945 – 80 Jahre danach“ – Gemeinsame Stellungnahme von VGD und VHD.

Ausblick – Democracy At Heart

Die Konferenz hat es eindrücklich bestätigt: Geschichtsunterricht ist kein Nebenfach, sondern ein demokratischer Grundschutz. Der VGD wird sich weiter dafür einsetzen, dass unsere transnationalen Projekte mit Partnern in Frankreich, Polen, Spanien, Griechenland sowie deutsche Erfahrung, Forschung und Unterrichtspraxis in dieses europäische Netzwerk einfließen. Straßburg war ein Anfang – die nächsten Konferenzen stehen an.

Margit Sachse, gewählte OHTE-Vertreterin des VGD

Bitte verlinken:

Auftakt-Rede von Alain BERSET: Without shared facts, there can be no democracy:

https://lnkd.in/p/eN4X8zVT

Ausgewähltes Photo:

© Conseil de l’Europe, Strasbourg, Alban Hefti

Bildunterschrift: 6ème Conférence annuelle de l’OHTE «HISTOIRE MANIPULÉE, DÉMOCRATIE EN DANGER», 8. Oktober 2026, Strasbourg