24. bis 26. 9. Konferenz für Geschichtsdidaktik (KGD) in Essen

24. – 26. 9. Konferenz für Geschichtsdidaktik in Essen

Grußwort Zur Eröffnung der XXIII. Zweijahrestagung der Konferenz für Geschichtsdidaktik (KGD)

Dr. Peter Johannes Droste | Bundesvorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)

Dr. Peter Johannes Droste – Bundesvorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)

Sehr geehrte Frau Ministerin, Herr Oberbürgermeister, Herr Grütter, lieber Herr Bernhardt, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir stehen hier an einem Ort der Arbeit und erkennbarer Sachlichkeit. Als Kind des Ruhrgebietes kenne ich die Unmittelbarkeit seiner Bewohner zu Raum und Zeit. Wohl auch aus diesem Grund haben mich die nüchternen, knappen und naturwissenschaftlich geprägten Texte des Philosophen Ludwig Wittgenstein immer wieder fasziniert und beschäftigt. Der erste Satz seines nur siebensätzigen  „Tractatus logico-philosophicus“ hätte auf den ersten Blick auch ein Kumpel des Ruhrgebietes  gesagt haben können: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Dass dahinter keine Selbstverständlichkeit, oder ein einfaches Weltbild steckt,  wird schon deutlich in seinem nächsten „Neben“- oder „Unter“-Satz: „Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“. Darüber könnten auch Historiker lange nachdenken. Ich möchte nicht schon zu Beginn der Tagung als Spezialist oder Anhänger einer bestimmten Richtung des sprachsensiblen Unterrichtes auftreten, sondern deshalb eher ein wenig auf der Ebene der Sprachphilosophie bleiben. Manche Philosophen, sahen alle philosophischen und grundlegenden Probleme aus guten Gründen als Sprachprobleme. Der spielerische Umgang, das „In-den-Griff-bekommen“  erleichtert häufig  das Lösen von Problemen.  

Sprache und Spiel sind Grundlagen der Wittgensteinschen Philosophie. Ihm ging es in seinem Traktat allerdings weniger um das, was uns hier heute bewegt, sondern um nichts Geringeres als die Erklärung der Welt. Eine Anregung  für unsere Tagung finden wir in seinem Satz 4.116: Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen läßt, läßt sich klar aussprechen.” und, etwas später in Satz 6.5: “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.” Hier wird noch deutlicher, welche Bedeutung Wittgenstein der Sprache beimisst. Wer die Sprache nicht beherrscht, dem fehlt ein entscheidender Weg zur Erkenntnis. Sprache, und dazu gehören als geschriebene Sprache auch die Texte und Quellen, als Vehikel zur Erkenntnis und zum Verständnis der Welt, der eigenen und fremden Kulturen. Unsere „Sprachspiele“ sind Anwendung von Sprache auf Quellen mit Hilfe von  Methoden. Das vielversprechende Programm der Tagung deutet bereits an, welche „Sprachspiele“ möglich, welche Spielanleitungen hilfreich, notwendig, erfolgversprechend, innovativ, angemessen sein könnten.

Es gibt viele Gründe für die Themenwahl dieser Tagung, die oft mit mangelndem Schreibvermögen und Leseverständnis, Mehrsprachigkeit, Heterogenität und Migrationshintergründen umschrieben werden. Sie stellen Herausforderungen und Chancen dar, die die Kolleginnen und Kollegen im Geschichtsunterricht und auch der Verband der Geschichtslehrerinnen seit vielen Jahren fest im Blick hat. Als Schulbuchautor kenne ich die Diskussion über die schwindende Lese- und Schreibkompetenz  der Schülerinnen und Schüler seit mehr als 20 Jahren.  Höhepunkte der Beschäftigung mit dem Thema Sprachsensibilität unseres Verbandes waren die Podiumsdiskussion auf dem Forum für Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (FGWU) auf dem letzten Historikertag in Münster und die diesjährige Gründung des Arbeitskreises „Sprachsensibler Geschichtsunterricht“ in Hamburg, der ein sehr konkretes Buchprojekt im Blick hat und deren Mitglieder hier zum Teil vertreten sind. Nicht von ungefähr stand die erste, diesjährige  Nummer unserer Verbandszeitschrift (gfh 1/2019) ganz unter diesem Thema. Kein Zufall, dass sie inzwischen längst vergriffen ist (wenige Exemplare konnten für diese Tagung zur Seite gelegt werden). Es gibt zahlreiche personelle, institutionelle und berufliche Verknüpfungen zwischen VGD, KGD und VHD, die sich dem Thema Sprache im Geschichtsunterricht widmen. Als Teilnehmer und Initiator vieler diesbezüglicher Gespräche und Projekte freue ich mich ganz besonders der Veranstaltung der Konferenz für Geschichtsdidaktik viel Erfolg wünschen zu dürfen.

Lassen Sie mich zum Schluss kommen mit dem 7. und letzten Satz des Tractatus, den viele von Ihnen sicherlich kennen: “Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.” Dass die letzte Konsequenz dieser  Tagung allerdings nicht das große Schweigen, sondern ein sprachsensibler und problemorientierter Geschichtsunterricht sein sollte, hat der Sprachphilosoph, Semiotiker und Wittgenstein-Kenner Umberto Eco in einem ihm zugeschriebenen Bonmot gefordert. Er beschrieb die große Kraft der narrativen Kompetenz in der Paraphrasierung dieses Schlusssatzes: „worüber man nicht  theoretisch reden kann, darüber muss man erzählen“. Damit fordert und beschreibt er m.E. eine zielführende Methode, auf die ihn wiederum Wittgenstein als Meister des Meta-Scaffolding  gebracht haben könnte; ich meine den vorletzten Satz des Tractatus: „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)

In diesem Sinne wünsche ich der Tagung einen erkenntnisreichen Verlauf.